Im September wird in meinem Verlag ein Kaplaken-Bändchen von Frank Lisson mit dem Titel Widerstand. Lage - Traum - Tat erscheinen. Als ich das Manuskript las, verstand ich, warum Lisson zuvor sagte, daß er sein Text meinem Provokations-Bändchen verwandt sei und sozusagen dasselbe Ziel aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachte.
Ich möchte aus Lissons Text vorgreifend einen kurzen Abschnitt zitieren und mithilfe dieser Passage ein grundlegendes Ziel verdeutlichen, das die Konservativ-Subversive Aktion verfolgt:
Das Gegenteil von „links“ ist nicht biedere Profillosigkeit, ist nicht CDU, sondern der Wille nach Persönlichkeit, nach Charakter, nach Niveau, ist der Wille nach unbedingter geistiger Freiheit. Ist der Mut zum Eigenen. Das Gegenteil von „links“ ist das Gegenteil von Vulgarität, ist das Gegenteil von Mainstream, von der Sucht nach Zugehörigkeit. Das Gegenteil von „links“ ist Individualismus, ist der Mut zum Anderssein. Ist Heimkehr zur Selbstbehauptung. Ist der Wille zu Stil, Form und Geschmack. Ist das Gegenteil von Öffentlichkeit, heißt: überhaupt keiner Partei angehören zu wollen, gar nicht massenkompatibel zu sein, heißt: einen eigenen Kopf zu haben, heißt: kein Mitmacher zu sein, selbst wenn das soziale Nachteile mit sich bringt, heißt: nein zu sagen zu den täglichen Lügen, die jeder wenigstens erdulden muß, um etwas zu werden in diesem Staat. Das Gegenteil von „links“ zu verwirklichen heißt heute: Abschied zu nehmen vom Herrschenden! – Das ist sehr schwierig, für manchen unmöglich. Jeder steht vor dieser großen Herausforderung, wer aber nimmt sie an?
Das ist ein Leitmotiv, das ist die Begründung der Freiwilligkeit, des Anders-Seins, des “Ich nicht!”, und zwar ohne diesen Wahn, man könne die große Masse national aufladen und in Bewegung setzen. Im Provokations-Bändchen klingt das so:
Wenn ich den Verlust jeglicher Normativität in seiner vollen Wucht begreife;
wenn ich die eine Möglichkeit, Masse zu formieren, ablehne (den Totalitarismus) und der anderen Möglichkeit völlig hilflos gegenüberstehe (Abspeisung durch Konsum) und dabei noch einmal und hoffentlich für immer begreife, daß es keine geistige Struktur hinter dem Gewusel, keine idealistischen Bewegungsgesetze hinter der konsumierenden Masse Mensch gibt, sondern eben bloß normierende Verbraucherströme;
wenn ich also die Versuche einer Sinngebung meines politischen Treibens als Denkschritte mit blindem Fleck, als zurückzuckenden Fuß an der Leiter zum Abgrund begreife:
Was bleibt dann noch übrig außer Spott, außer Verzweiflung und Häme, außer Resignation, Zynismus, Abwendung oder aber einer andauernden Denk- und Wahrnehmungsbremse aus gesundheitlichen Gründen, was nichts anderes ist als die beste Voraussetzung für eine parteipolitische Karriere?
Es bleibt die Möglichkeit, ein Spur zu hinterlassen. Verdichtet: Es bleibt die Kunst, und in der Politik: die politische Kunst, die Provokation, weil sie mich mein Ich spüren läßt und mir nicht mehr verspricht als die Zusammenballung in einem Moment des Formwillens, des Formbewußtseins, des Formungsvermögens.
Das ist es wohl, was bleibt, wenn man einmal in den Abgrund gestiegen ist: Form, Formgebung, granitene Setzung als das, was ideell und geistig noch möglich ist, weil ansonsten in einer Massengesellschaft nichts mehr möglich ist.
Simpler ist das, was wir planen und durchführen, nicht zu haben. Natürlich ist solch eine Aktion wie die vom 1. Mai auch
- ein Spiel,
- eine Karikatur,
- eine PR-Kampagne,
- eine Mutprobe,
- ein politischer Akt.
Aber sie ist auch (und nicht zuletzt): Selbstvergewisserung und eine Form der Notwehr, der Notwehr gegen die Ununterscheidbarkeit des Mitschwimmen-Müssens in einem mittlerweile unerträglichen gesellschaftlichen Einheitsbrei mit seiner Dauertendenz nach unten.
Unterschieden, wahrnehmbar unterschieden zu sein: Das ist schon viel, das strahlt aus, das treibt uns jene zu, die ebenfalls laut sagen möchten: “Ich nicht!”